Ist die Corona-Krise ein Zeichen der Endzeit?

23.04.2020

Eine biblische Orientierung von Roland Hardmeier

Titel

EINFÜHRUNG
Die Corona-Krise ruft Endzeitspezialisten auf den Plan. In Blogs und Internetforen wird spekuliert, ob das Coronavirus eine der end-zeitlichen Plagen aus dem Buch der Offenbarung ist. Verschwörungstheorien werden herumgeboten und in unreflektierter Art und Weise mit endzeitlichen Aussagen der Bibel in Verbindung gebracht. Regierungen hätten den Lockdown angeordnet, um herauszufinden, wie leicht die Massen in der Endzeit manipulierbar seien. Seuchen würden weltweit dramatisch zunehmen. Wirtschaftskrisen als Folge der Coronakrise könnten zu Kriegen und Hungersnöten führen und damit die Endzeitrede von Matthäus 24-25 erfüllen. Die Situation werde den Regierungen aus dem Ruder laufen. Die Corona-Krise könnte Wegbereiterin für eine Welteinheitsregierung unter der Führung des Antichristen sein, von der die Johannesoffenbarung rede. 

Es ist nichts Neues, dass in Krisenzeiten Endzeitszenarien die Runde machen. Im Zusammenhang mit der Corona-Krise werden end-zeitliche Fahrpläne reaktiviert, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts schon einmal populär waren. Letztmals war das während der beiden Irak-Kriege der Fall und vorher während der Zeit des Kalten Krieges.(1)  

Ist die Corona-Krise ein Zeichen der Endzeit? Kann aktuelles Geschehen mit biblischen Prophezeiungen in Verbindung gebracht werden? Mit den folgenden Ausführungen möchte ich eine biblische Orientierung bieten.

BIBLISCHE PROPHETIE 
Lassen sich aus den prophetischen Aussagen der Bibel Ereignisse der Zukunft voraussehen? Immer wieder begegnet man dem Glauben, dass sich durch die intensive Beschäftigung mit der biblischen Prophetie endzeitliche Ereignisse in einen chronologi-schen Ablauf bringen lassen. Gibt es in der Bibel einen endzeitlichen «Fahrplan»? 

Nicht selten wird biblische Prophetie mit «die Zukunft voraussagen» gleichgesetzt. Dadurch kommt es zu einer übereilten Verbindung von prophetischen Aussagen der Bibel mit aktuellem Tagesgeschehen. 

Biblische Prophetie ist facettenreich. Das Hauptanliegen der alttestamentlichen Propheten bestand darin, Israel zurück zu Gott zu führen. Sie traten als Vermittler zur Durchsetzung des Bundes auf, den Gott mit Israel am Sinai geschlossen hatte.(2) Ihre Hauptaufgabe bestand darin, Hervorsager des Willens Gottes für die Menschen ihrer Zeit zu sein. Einige der Propheten waren von Gott beauftragt, darüber hinaus Vorhersager der nahen und fernen Zukunft zu sein. Sie sprachen vom Kommen des Messias, seinem Handeln mit den Völkern und dem Ende der Geschichte.  Zukunftsgerichtete Prophetie ist nur ein Aspekt dessen, was wir gewöhnlich Prophetie nennen. Prophetie kann also nicht einfach mit «Zukunftsvoraussage» gleichgesetzt werden. 

Wann und wie sich eine Prophetie erfüllt, ist schwieriger festzulegen, als viele annehmen. Oft wird erst im Lichte der Erfüllung klar, wie sich eine Prophetie erfüllt. So erging es den Jüngern. Sie glaubten an die Messiasprophetie des Alten Testaments. Aber erst als sie im Licht der Erfüllung standen und Jesus ihnen nach seiner Auferstehung die Augen für die Schrift öffnete, verstanden sie die prophetischen Verheissungen des Alten Testaments.(3) Aktuelles Tagesgeschehen mit einzelnen biblischen Prophetien in Verbindung zu bringen scheitert für gewöhnlich, weil die Bibel von einem begrenzten geschichtlichen Standpunkt aus gedeutet wird, der morgen schon überholt sein kann. 

Prophetie ist uns nicht gegeben, um unsere Neugierde zu befriedigen. Vielmehr will sie als Licht in die Gegenwart hineinleuchten und zur Tat anspornen: 

1 PETRUS 4,7-10 
Das Ende aller Dinge ist nahe. Seid also besonnen und nüchtern und betet. Vor allem haltet fest an der Liebe zueinander, denn die Liebe deckt viele Sünden zu. Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes. 

Nach Petrus soll das Wissen um das Ende nicht zum Abwarten führen, sondern zur Tat. Wir sollen beten, lieben und dienen, also mitten im Leben stehen, ganz gleich ob das Ende nahe oder fern ist. Festzulegen, wann und wie sich eine Prophetie erfüllt, ist schwierig, weil unsere Erkenntnis Stückwerk ist: 

1 KORINTHER 13,9-12 
Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden. Wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk. Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. 

Die Redewendung «von Angesicht zu Angesicht» wird im Alten Testament verwendet, um die unmittelbare Begegnung mit Gott zu beschreiben.(4) Diese Begegnung wird für Christen stattfinden, wenn Jesus auf dieser Erde erscheint. Bis dann bleibt unsere Erkenntnis «Stückwerk». Wörtlich heisst es, dass unsere Erkenntnis «aus Teilen» besteht. Gott offenbart uns in der Bibel Teile seines Plans, deren Bedeutung wir diesseits der Wiederkunft nur teilweise erfassen können. 

Biblische Prophetie ist nicht ein Fahrplan für die Zukunft, sondern ein Licht der Orientierung für die Gegenwart. Christen haben nicht einen Fahrplan, sondern eine Hoffnung.

DIE ENDZEIT 
Für viele Christen ist der Begriff «Endzeit» negativ besetzt. Die Endzeit wird als eine Zeit des Niedergangs verstanden, die der Wiederkunft von Jesus Christus unmittelbar vorausgeht. Viele Christen würden auf die Frage, was sie unter der Endzeit verstehen etwa folgendes sagen: «In der Endzeit wer-den Katastrophen zunehmen. Viele werden sich vom Glauben abwenden. Der Antichrist wird auftreten und Christenverfolgungen werden zunehmen.» Ein solches Endzeitver-ständnis ist zumindest einseitig. Die Bibel spricht nicht nur von negativen, sondern auch von positiven Zeichen der Endzeit. 

Der Begriff «Endzeit» hat seine Wurzeln in verschiedenen Redewendungen, welche die Propheten des Alten Testaments verwendeten: 

JOEL 3,1-2 
«Danach» aber wird es geschehen, dass ich meinen Geist ausgiesse über alles Fleisch ... Auch über Knechte und Mägde werde ich meinen Geist ausgiessen «in jenen Tagen». 

JESAJA 2,2 
«Am Ende der Tage» wird es geschehen: Der Berg mit dem Haus des Herrn steht fest gegründet als höchster der Berge. Er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen die Völker. 

In diesen und weiteren Texten herrscht der Gedanke des Endes vor. Aus Redewendungen wie «das Ende der Tage», «die letzten Tage» oder «am Ende der Zeiten» hat sich der Begriff «Endzeit» gebildet. 
Das Neue Testament knüpft an die alttestamentliche Rede von den letzten Tagen mehrfach an. Der Verfasser des Hebräerbriefs spricht von der Endzeit als der Zeit, in der er und die Empfänger seines Briefes lebten: 

HEBRÄER 1,1-2 
Viele Male und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten. In dieser «Endzeit» aber hat er zu uns gesprochen durch den Sohn. 

Petrus weist in seinem ersten Brief darauf hin, dass mit dem Kommen von Jesus die Endzeit eingeleitet ist: 

1 PETRUS 1,18-20 
Ihr wisst, dass ihr aus eurer sinnlosen, von den Vätern ererbten Lebensweise nicht um einen vergänglichen Preis losgekauft wurdet, nicht um Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi, des Lammes ohne Fehl und Makel. Er war schon vor der Erschaffung der Welt dazu ausersehen und euretwegen ist er «am Ende der Zeiten» erschienen.
 

Auch Paulus geht in seinen Schriften davon aus, dass die Endzeit angebrochen ist.(5) Für die Autoren des Neuen Testaments war die Endzeit nicht eine Periode, die in der Zukunft lag. Sie wussten sich selbst mitten in den letzten Tagen, welche die Propheten angekündigt hatten. 

Neutestamentlich gesehen ist die Endzeit die gesamte Zeit zwischen dem ersten und dem zweiten Kommen von Jesus. Diese Zeit wird von negativen und positiven Zeichen begleitet. Negativ gesprochen kommt es zu Verfolgungen, Kriegen und Unruhen.(6) Positiv gesprochen ist die Endzeit aber auch geprägt von der Zuwendung Gottes zu den Menschen, vom Wirken des Heiligen Geistes und von der Verkündigung des Evangeliums auf der ganzen Welt.(7) 

Im Gleichnis vom Unkraut und dem Weizen bringt Jesus auf den Punkt, wodurch die Gesamtzeit der Endzeit geprägt sein wird: Der Weizen wächst und bringt Frucht. Gleichzeitig wächst das Unkraut, das bei der Ernte herausgerissen und vernichtet wird.(8) 

Das Bildwort sagt: Gut (der Weizen) und Böse (das Unkraut) wachsen nebeneinander bis zur Ernte (dem Jüngsten Tag). Das Böse reift aus und wird mit zunehmender Zeit als Böses erkennbar. Gleichzeitig wächst das Gute und wird schliesslich über das Böse triumphieren. Endzeit ist also nur dort biblisch verstanden, wo sie nicht nur in ihrem negativen, sondern auch in ihrem positiven Gepräge wahrgenommen wird. So spricht Jesus davon, dass in der Zeit bis zur Wiederkunft sich Gottes Reich wie ein Sauerteig ausbreitet und dass Gottes Herrschaft wie das Wachsen eines kleinen Senfkorns zu einem grossen Baum ist.(9) Die Mächte des Bösen werden das Gute also nicht ausradieren. Am Ende wird sich Gottes Herrschaft durchsetzen. Gott wird über die Mächte des Bösen triumphieren und damit das uralte Verspre-chen einlösen, dass er dem Bösen schlechthin den Kopf zertreten wird, es also vernichtend schlägt.(10)

DIE ENDZEITREDE 
Die Endzeitrede von Matthäus 24-25 dient für viele als Rechtfertigung für einen endzeitlichen Pessimismus. Der Fokus liegt auf dem Anfang der Rede, wo Jesus seinen Jüngern sagt, dass Kriege, Hungersnöte und Verfolgung kommen werden.(11) Von diesen Aussagen ausgehend wird die Zukunft in düsteren Farben geschildert. Hat dieses Vor-gehen biblischen Rückhalt? 

Die Aussagen von Jesus müssen im Kontext der gesamten Endzeitrede verstanden wer-den. Die Rede besteht aus zwei Teilen: 24,1-31 handelt von Ereignissen, welche noch zu Lebzeiten der Jünger eintreffen sollten. Gleichzeitig weisen sie voraus auf den Verlauf der Geschichte, bis Jesus wiederkommt. 24,37-25,46 mahnt in Form von sieben Gleichnissen zur Wachsamkeit und stiftet zur Tat für den wiederkommenden Herrn an. 

Die Endzeitrede beginnt damit, dass Jesus seinen Jüngern sagte, dass vom jüdischen Tempel kein Stein auf dem anderen bleiben würde. Diese Voraussage erfüllte sich im Jahr 70 n.Chr. als die Römer Tempel und Stadt verwüsteten. Die Jünger fragen Jesus nun: 

MATTHÄUS 24,3 
Sag uns, wann wird das geschehen und was ist das Zeichen für deine Ankunft und das Ende der Welt?
 

Als Antwort auf die Frage der Jünger sprach Jesus vier prophetische Warnungen aus. Die erste Warnung betrifft religiöse Verführung: 

MATTHÄUS 24,4-5 
Gebt Acht, dass euch niemand irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin der Christus! und sie werden viele irreführen. 

Das Neue Testament berichtet, dass diese Prophezeiung schon bald eintraf.(12) Die zweite Warnung betrifft Heimsuchungen und Erschütterungen verschiedener Art: 

MATTHÄUS 24,6-8 
Ihr werdet von Kriegen und Kriegsgerüchten hören. Gebt Acht, lasst euch nicht erschrecken! Das muss geschehen. Es ist aber noch nicht das Ende. Denn Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben und an vielen Orten wird es Hungersnöte und Erdbeben geben. Doch das alles ist erst der Anfang der Wehen. 

Das römische Reich wurde in neutestamentlicher Zeit von Unruhen heimgesucht. In Jerusalem kam es 49. n.Chr. zu Tumulten, ebenso in Syrien und Ägypten. Unter dem römischen Kaiser Claudius (41-54 n.Chr.) kam es zu einer grossen Hungersnot, von der auch das Neue Testament berichtet.(13)
Griechenland, Rom und Gebiete der heutigen Türkei wurden von Erdbeben heimgesucht. 

Die dritte Warnung betrifft die übereilte Erwartung der Wiederkunft. Die Frage der Jünger «Was ist das Zeichen für deine Ankunft und das Ende der Welt?» zeigt, dass sie unmittelbar das Weltende erwarteten. Jesus sagte ihnen, dass dem nicht so sei. Kriege und Nöte waren «noch nicht das Ende», sondern erst «der Anfang der Wehen». Es würde also noch eine lange Zeit gehen, bis die Geschichte zu ihrem Ende kommt. 

Die vierte Warnung bezieht sich auf die Kirche: 

MATTHÄUS 24,9-13 

Dann wird man euch in grosse Not bringen und euch töten und ihr werdet von allen Völkern um meines Namens willen gehasst. Und viele werden zu Fall kommen und einander ausliefern und einander hassen. Viele falsche Propheten werden auftreten und sie werden viele irreführen. Und weil die Gesetzlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe bei vielen erkalten. Wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet werden. 

Verfolgung und Verwirrung im Glauben stellten sich noch zu neutestamentlicher Zeit ein.(14) Die Zeit der frühen Kirche war einerseits eine Zeit der rasanten Ausbreitung des Evangeliums. Anderseits kam es zu einem dramatischen Ausbruch von Irrlehren. So befassen sich die Briefe an die Kolosser, die Timotheusbriefe, die Thessalonicherbriefe und die Johannesbriefe zu weiten Teilen mit der Abwehr von Irrlehren. 

Die Warnungen von Jesus wurden also bereits in neutestamentlicher Zeit Wirklichkeit. Gleichzeitig geht der Blick in der Endzeitrede über das Neue Testament hinaus. Wegen dieses doppelten Bezugspunkts kann man von der Endzeitrede nicht ableiten, dass es mit der Welt immer schlimmer wird. Kriege, Nöte und Verfolgung sind Zeichen, die im-mer mehr oder weniger vorhanden sein können. Sie sind ein charakteristisches Merkmal der Endzeit in ihrer Gesamtheit. Es wird nirgends gesagt, dass diese Zeichen stets und überall anzutreffen sind. Die Dinge können sich in unserer Zeit verschlechtern, aber sie müssen nicht, denn nicht nur das Unkraut wächst, sondern auch der Weizen gedeiht. Die Endzeitrede als Blaupause für eine düstere Zukunft zu benutzen, geht über den Bibeltext hinaus und überzeugt nicht. 

Im zweiten Teil der Rede (24,37-25,46) geht es um das rechte Verhalten bis zur Wiederkunft. Hier bewahrheitet sich der Satz von Jürgen Moltmann, dass die Eschatologie (Lehre von der Endzeit) Aussicht und Ausrichtung nach vorne und Aufbruch und Wandlung der Gegenwart ist.(15) 

Der erste Teil der Endzeitrede ist Aussicht und Ausrichtung nach vorne. Jesus sagt den Jüngern an, was kommen wird, damit sie von der Heftigkeit der Erschütterungen nicht überrascht werden. Der zweite Teil ist Aufbruch und Wandlung der Gegenwart.
In sieben Gleichnissen malt Jesus seinen Nachfolgern vor Augen, wie sie im Lichte der kommenden Ereignisse leben sollen. Es geht um Treue zu Gott, Wachsamkeit im Glauben und dem Dienst der Barmherzigkeit an Bedürftigen. Der zweite Teil ist fast um die Hälfte länger als der erste und eindringlicher im Ton. Die Grössenverhältnisse beider Teile zeigen: Jesus bildet nicht «Experten» aus, die über das Kommende spekulieren, sondern Nachfolger, die im Licht des Kommenden handeln. Jesus will, dass seine Jünger (und wir) verstehen, wozu wird in der Welt sind. Wenn die Beschäftigung mit den endzeitlichen Aussagen der Bibel nicht vom Hoffen bewegtes Handeln bewirkt, verfehlt sie ihr Ziel und ist nicht biblisch.

DIE OFFENBARUNG DES JOHANNES 
Die Offenbarung des Johannes ist eines der beliebtesten und am meisten missverstandenen Bücher der Bibel. Seit Jahrhunderten muss die Johannesapokalypse, wie sie im Fachjargon genannt wird, für düstere Zukunftsprognosen herhalten. Damit tut man ihr Unrecht, denn sie ist ein Buch des Trostes. Entscheidend für das Verständnis dieses ausserordentlichen Buches ist, dass die Offenbarung eine Apokalypse ist. Es handelt sich um eine im Judentum der Zeitenwende gebräuchliche literarische Form, in welcher die Botschaft in Bilder und Symbole gekleidet wird.(16) 

In Krisenzeiten ist die Versuchung gross, einzelne Aussagen der Offenbarung mit dem politischen Tagesgeschehen zu verbinden. Martin Luther erblickte in einzelnen Aussagen konkrete Ereignisse seiner Zeit. So deutete er Offenbarung 17,16 als die Plünderung Roms. 

OFFENBARUNG 17,16 
Du hast die zehn Hörner und das Tier gesehen. Sie werden die Hure hassen, ihr alles wegnehmen, bis sie nackt ist, werden ihr Fleisch fressen und sie im Feuer verbrennen. 

Im Jahr 1527, drei Jahre bevor Luther seine Auslegung der Johannesoffenbarung schrieb, war Rom von einem vierundzwanzigtausend Mann starken Heer aus deutschen Lands-knechten und spanischen Söldnern geplündert worden. Die Soldaten töteten, folterten und vergewaltigten. Die Hälfte der Bevölkerung kam um. Kirchen, Paläste und Krankenhäuser wurden in Brand gesteckt. 

Luther sah in Offenbarung 17,16 dieses Ereignis vorausgesagt. Er glaubte, unmittelbar in der Zeit des Endes zu leben. Schon zehn Jahre vorher, im Advent 1521, hatte er in einer Predigt gesagt, dass er niemanden drängen oder glauben machen wolle, der Jüngste Tag sei nicht ferne. Er lasse sich diese Überzeugung aber auch nicht nehmen, denn er finde seit der Geburt Christi nichts, was den letzten hundert Jahren in dieser Welt gleiche. 

Luthers Auslegung der Offenbarung ist ein Beispiel unter vielen, das uns daran erinnert, dass wir Aussagen der Offenbarung nur mit grosser Zurückhaltung mit unserer Zeit in Verbindung bringen sollten. 

Im Zusammenhang mit der Corona-Krise wird das Augenmerk auf die sieben Siegelgerichte von Offenbarung 6 gelenkt, wo es heisst: 

OFFENBARUNG 6,7-8 
Als das Lamm das vierte Siegel öffnete, hörte ich die Stimme des vierten Lebewesens rufen: Komm! Da sah ich ein fahles Pferd, und der, der auf ihm sass, heisst «der Tod», und die Unterwelt zog hinter ihm her. Und ihnen wurde die Macht gegeben über ein Viertel der Erde, zu töten durch Schwert, Hunger und Tod und durch die Tiere der Erde. 

Das vierte Siegel bringt den «Tod». Namhafte Ausleger wie Gerhard Maier und Gregory Beale übersetzen «Tod» in Offb 6,8b mit «Pest» oder «Plage».(17) Unheilvolle Entwicklungen wie Kriege und Seuchen gehören also zur Endzeit. 

Ist der Corona-Virus eine dieser Seuchen? Ist Covid 19 ein Zeichen dafür, dass das Ende nahe ist? Ein solcher Schluss ist aus zwei Gründen voreilig: 

Zum einen hat es Seuchen in der Menschheitsgeschichte schon immer gegeben. Die Pest im Mittelalter raffte die fast die Hälfte des katholischen Abendlandes hinweg. Die Spanische Grippe vor hundert Jahren forderte Millionen von Toten. Cholera und Ebola und andere Seuchen fordern Menschenleben. Wenn Seuchen immer wieder auftreten, kann eine einzelne Seuche wie das Corona-Virus schlecht als Zeichen für ein nahes Ende dienen. Wir wissen schlicht nicht, ob dies die letzte Plage ist. 

Zum andern lässt ein biblisches Verständnis der Offenbarung keine voreiligen Schlüsse zu. Die Siegelgerichte beschreiben meinem Verständnis nach die gesamte Zeit zwischen Himmelfahrt und Wiederkunft. Das ergibt sich aus einem aufmerksamen Lesen der sieben Siegelgerichte und aus den Einführungsworten der Offenbarung: 

OFFENBARUNG 1,1-3 
Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat, damit er seinen Knechten zeigt, was «bald» geschehen muss. Und er hat es durch seinen Engel, den er sandte, seinem Knecht Johannes ge-zeigt ... Selig, wer diese prophetischen Worte vorliest und wer sie hört und wer sich an das hält, was geschrieben ist, denn die Zeit ist «nahe». 

Im Griechischen steht für das «bald» in 1,1 «en tachei». Von diesem Begriff leitet sich das Wort «Tachometer» (Geschwindigkeitsmesser) ab. Der Begriff bedeutet «in einer Schnelle» oder «plötzlich».(18) Hier geht es um die Art und Weise, wie die Ankündigungen der Offenbarung sich verwirklichen. Das Gericht wird plötzlich und unerwartet über die Menschen kommen. 1,3 sagt dann, dass die Zeit der Erfüllung «nahe» ist. Nahe meint hier in einem unmittelbaren Sinn zeitliche Nähe. Die ursprünglichen Empfänger sollten selbst erleben, wie sich die Offenbarung zu erfüllen begann. Damit ist das Buch ausdrücklich nicht für die Zeit des Endes versiegelt. Gleichzeitig blickt die Offenbarung bis an das Ende der Geschichte.(19) Sie bezieht sich auf einen sehr langen Zeitraum, der nun schon zweitausend Jahre andauert. In dieser langen Zeit werden Krankheiten und Kriege kommen und gehen. 

Ich schliesse aus allen diesen Überlegungen: Der biblische Rückhalt, dass die Corona-Krise ein Zeichen der Endzeit ist, und wir mit ihr an das Ende der Geschichte gelangen, ist extrem klein. 

HANDELN IN HOFFNUNG 
Krisen sind ein Testfall für den Glauben. Christlicher Glaube ist dort lebendig, wo er Trost spendet, Glauben stärkt und zum Han-deln für den wiederkommenden Herrn beflügelt. Endzeitliche Spekulationen lähmen. Sie veranlassen zum Rückzug ins christliche Getto. Die Welt überlässt man dem Teufel. So verstandener Glaube ist eine Verzerrung der biblischen Hoffnung. 

Jürgen Moltmann spricht davon, dass die biblischen Verheissungen der Wirklichkeit nicht die Schleppe nach, sondern die Fackel vorantragen wollen.(20) Viel zu oft hat die Christenheit der Wirklichkeit die Schleppe nachgetragen. Christen sollten der Wirklichkeit die Fackel vorantragen, indem sie auf Gottes Wirklichkeit hinweisen und in brennender Hoffnung handeln. 

Die Zukunftsansagen der Bibel wollen Trost vermitteln, Glauben stärken und zum Handeln in Hoffnung befähigen. Das gilt insbe-sondere für das letzte Buch der Bibel. Wie aus verschiedenen Stellen hervorgeht, wurde die Offenbarung in einer Zeit der Verfolgung geschrieben.(21) Die Offenbarung ist kein Fahrplan für das Ende, sondern ein Trostbuch für die leidende Kirche. 

Im Zentrum der Offenbarung steht das geschlachtete Lamm. In der Himmelsvision von Kapitel 4 und 5 sieht Johannes ein «ge-schlachtetes Lamm» vor dem Thron, das von Gott eine versiegelte «Buchrolle» empfängt. Das geschlachtete Lamm ist Jesus, der am Kreuz sein Leben für die Menschheit liess. Die Buchrolle symbolisiert die Menschheitsgeschichte. Johannes wird gesagt, dass niemand im ganzen All die Siegel brechen und die Buchrolle öffnen kann als allein das Lamm.  

OFFENBARUNG 5,5 
Da sagte einer der Ältesten zu mir: Gesiegt hat der Löwe aus dem Stamm Juda, der Spross aus der Wurzel Davids. Er kann das Buch und seine sieben Siegel öffnen.
 

Hier sind wir bei der zentralen Botschaft der Offenbarung. Nicht der Satan, nicht das Böse und nicht der Antichrist hat die Kontrolle über die Geschichte, sondern das Lamm. Die Bevollmächtigung über den Geschichtsverlauf ist dem Sieger von Golgata übergeben! Damit sagt die Offenbarung in apokalypti-scher Sprache nichts anderes als die Evangelien in gewöhnlicher Sprache sagen: Jesus ist alle Autorität im Himmel und auf Erden gegeben.(22) In diesem Sinn können Christen getrost in die Welt gehen und lieben dienen, beten und handeln. Sie verlassen den Herrschaftsraum ihres Herrn nicht, der er hat überall die Kontrolle. 

Am Ende der Offenbarung geht der Blick über die Geschichte hinaus auf die neue Schöpfung. Gott wird unter den Menschen wohnen. Es wird keine Tränen, keinen Tod und keine Trauer mehr geben.(23) Die Hoffnung auf die Vollendung aller Dinge beflügelt Christen, schon jetzt ein Stück Himmel auf die Erde zu bringen. Die christliche Hoffnung ist eine tätige Hoffnung. Sie hält es mit Dietrich Bonhoeffer, der gesagt hat: «Mag sein, dass morgen der Jüngste Tag anbricht. Dann wollen wir die Arbeit für eine bessere Welt aus der Hand legen – vorher aber nicht.» 

Es ist nicht entscheidend, wie lange es noch dauert, bis die neue Schöpfung da ist. Die Corona-Krise wird vorübergehen, wenn auch nicht ohne Schmerzen und Verluste. Es wird nicht die letzte Seuche und die letzte Krise gewesen sein. Vor uns können aber auch noch Zeiten liegen, in denen sich die Verhältnisse bessern und die Menschheit Mut schöpfen kann. Denn noch immer gilt, dass Gott diese Welt «so sehr liebt».(24) Er liebt sie so sehr, dass er eines kommenden Tages die seufzende Schöpfung zusammen mit uns befreien wird.(25) Für alle, welche die Gewissheit haben, dass ihr Herr kommt, ist es nicht entscheidend, wann es geschehen wird, sondern dass es geschehen wird. Vom Kirchenvater Augustin ist der Satz überliefert: «Nicht derjenige liebt die Wiederkunft des Herrn, der sagt, sie liege noch in weiter Ferne; auch nicht der, der sagt, sie stehe unmittelbar bevor; sondern derjenige, der sie mit ernstem Glauben, fester Hoffnung und brennender Liebe erwartet, ganz gleich, ob sie fern oder nah ist.»

Dr. Roland Hardmeier ist der Autor des Buches «Die Stadt des Königs. Eine biblische Theologie der Hoffnung» (2020). Er ist als selbständiger Dozent und Referent tätig und unterrichtet am Institut für Gemeindeorientierte Weiter-bildung (IGW) und am International Seminary of Theology and Leadership (ISTL) Theologie. 

Version 1.2 R. Hardmeier, April 2020 

www.roland-hardmeier.ch 

(1): Hardmeier, Die Stadt des Königs, 16ff
(2): 1 Könige 19,10
(3): Lukas 24,45
(4): 1 Mose 32,30f; 2 Mose 33,11; Hesekiel 20,35
(5): 1 Tim 4,1-2; 2 Tim 3,1-5 
(6): Matthäus 10,17ff; 24,6ff
(7): Matthäus 11,4-5; Joel 3,1-5; Matthäus 24,14; Markus 13,10
(8): Matthäus 13,24ff; Näheres bei Hardmeier, Der Triumph des Königs, 334ff 
(9): Matthäus 13,31ff
(10): 1 Mose 3,15
(11): Matthäus 24,6ff 
(12): Apostelgeschichte 5,36; 8,9f; 21,38
(13): Apostelgeschichte 11,28
(14): Zur Verfolgung: Apostelgeschichte 4,6ff; 14,1ff; Zur Verwirrung im Glauben 2 Tim 2,15; 4,10; 2,17f; 3,9ff
(15): Moltmann, Theologie der Hoffnung, 12
(16): Näheres bei Fee und Stuart, Effektives Bibelstudium, 292ff 
(17): Maier, Die Offenbarung des Johannes, 328; Beale, The Book of Revelation, 382
(18): Pohl, Die Offenbarung des Johannes, Wuppertaler Studienbibel, 68f
(19): Offenbarung 6,12-17; 21,1ff
(20): Moltmann, Theologie der Hoffnung, 14
(21): Offenbarung 1,9; 2,13; 3,10; 6,9-10; 17,6; 18,24; 19,2; 20,4-6 
(22): Matthäus 28,18
(23): Offenbarung 21,1-4
(24): Johannes 3,16
(25): Römer 8,18ff

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