Kirche und Innovation - zwei Gegensätze

28.03.2019

Gedanken zum Verhältnis von Kirche und Innovation

Titel

Von Boris Eichenberger

Die Kirche und Innovation – wahrlich zwei Gegensätze
Dabei ist Innovation eine Notwendigkeit, um die Botschaft von Jesus heute glaubwürdig zu verkünden. Uns aber haftet der Geruch des Alten an. Wie Grossvaters Mantel begleitet uns die muffelige Aura des Ewiggestrigen.
Wissenschaftlich Interessierte mokieren sich über kreatonistischen Erklärungsmodelle, Moralisten an zahlreichen Missbrauchsskandalen, Liberale an verklemmter Sexualethik und Hedonisten an Jenseits-Fixierungen.
Dabei könnte Innovation eines der Markenzeichen der Kirche sein. Der Geist, der über den Urwassern schwebte, war an der grössten Innovation überhaupt beteiligt: der Schöpfung. Dieser Geist lebt heute unter uns. Die Kraft Gottes haucht Totem wieder Leben ein und liess Jesus auferstehen. Diese Kraft wirkt heute unter uns. Der Modus der Kirche beschränkt sich aber verstörend oft aufs Kopieren. Die Referenzpunkte sind Erfolgskirchen aus dem Ausland, die betreffend Grösse und Stil mit uns wenig gemeinsam haben. Wir versuchen, von ihnen zu lernen, und ahmen sie nach. Wir bewundern die erfolgreichen Leiter, die Mega-Churches managen und Menschenmassen anziehen. Dabei verpassen wir oft das Originale, das Gott uns geschenkt hat. Wir verlieren das Authentische, das Menschen anzieht.

Innovation! Sie zielt auf die Erleichterung. Wir nehmen Fortschritt an, wenn es uns hilft. Es vereinfacht den Alltag, verbessert das Leben, stillt unsere Wünsche. Ich kenne keinen Hausmann oder Hausfrau, die sich nicht über ein besseres Küchengerät freut. Und die Apple Keynote, die ihre neusten Gadget präsentiert, erzeugt bei mir ein Hochgefühl, das genau so lange anhält, wie die Preise nicht bekannt sind. Innovation in der Kirche ist kein Selbstzweck. Es zielt darauf ab, den Glauben zu leben und andere damit anzustecken. Es bewirkt, dass wir neue Bezüge zu unserem Umfeld herstellen und als Kirche wieder Teil davon werden.

Angst verhindert Innovation.
Wir wollen nicht versagen, nicht doof dastehen und nicht den biblischen Werten oder Gott selber untreu werden. Wir halten den Ball flach, spielen auf sicher, orientieren uns am Bewährten und kopieren, was anderswo funktioniert. Wir müssen nicht krampfhaft anders oder neu zu sein. Eine Aufgabe ist, das uns Anvertraute zu bewahren. Die Herausforderung ist dabei aber, den Schatz der biblischen Botschaft und der Glaubenstradition für unser Umfeld zugänglich und verständlich zu leben. Von Gott geliebten Menschen in dieser von Gott geschaffenen Welt erhalten kreative und verständliche Zugänge zu dem, was uns anvertraut ist: Gott, der überfliessendes Leben schenkt.

Selbstzentrierung verhindert Innovation.
Erstere denkt von innen nach aussen, Zweitere von aussen nach innen. Neues geht nicht von unseren Wünschen und Vorstellungen aus. Innovation holt die Erwartungen, Sehnsüchten und Bedürfnissen der anderen ab. Oft sind wir doch ausschliesslich mit uns selber beschäftigt. Das Kirchen-Programm füllt unsere Agenda. Mit Menschen ausserhalb der Wohlfühl-Zone Zeit zu verbringen kommt zu kurz. Was sind ihre Wünsche, ihre Ängste, ihre Herausforderungen und ihre Hoffnungen? Viele Menschen tragen eine innere Sehnsucht nach Sinn und Transzendenz und nach Gott in sich. Diesen Fragen spüren wir in persönlichen Begegnungen nach. Wir lassen uns davon für neue Formen von Kirchen inspirieren. Daraus entwickeln sich Gemeinschaften, die glaubhaft und fragwürdig sind. Glaubhaft, weil sie das Leben und die Botschaft von Jesus ernst nehmen und es heute zu leben versuchen. Und fragwürdig, weil es Menschen zum Fragen bewegt und ihre Antwort in Jesus finden lässt.

Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen[1]. So bleibt uns nur vages Spekulieren, welche Formen von Kirche Menschen in fünf oder zehn Jahren anzusprechen vermögen.
Ich wage trotzdem einen Versuch.
Zum einen glaube ich an die bestehenden klassischen Formen von Kirche mit einem Gottesdienst am Sonntag, mit Kleingruppen und Diensten. Diese bewährte Form wird von Innovation belebt und für vielen Menschen ein Orientierungspunkt. Zum zweiten glaube ich an neue Formen, die die vier Grundvollzüge in Zeugnis, Liturgie, Diakonie und Gemeinschaft anders denken und Kirche neu gestalten. Menschen, die dem Leben und der Botschaft von Jesus treu bleiben, aber in einer Weise ausdrücken, die wir heute kaum kennen: als Co-Working, als Lebens-Kommunität oder als virtueller Raum?
Ich lasse mich überraschen.


[1] Frei nach Karl Valentin, Mark Twain und Nils Bohr.

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