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28.06.2019

Was habe Magnete mit kulturellem Wandel in Gemeinden und der Universität von Südafrika zu tun?

Titel

von Philipp Wenk*

«Warum stossen sich Magnete gegenseitig ab oder ziehen sich – wenn man eines umdreht – gegenseitig an?» Diese Frage stellte der Filmemacher Christopher Skyes an Richard Feynman (Video). Feynman war einer der grossen Physiker im 20. Jh., der durch seine allgemeinverständlichen Erklärungen der Quantenphysik über die Grenzen seines Faches hinaus bekannt geworden ist.

Spannend ist Feynmans Antwort jedoch nicht deshalb, weil man hier mehr über Magnetismus lernen könnte. Denn das geschieht nicht. Zum Schluss gesteht er ein: «Ich bin nicht fähig, Ihnen eine andere Antwort auf die Frage zu geben, warum sich Magnete anziehen, als dass ich Ihnen sage, dass sie das tun.» – Irgendwie ernüchternd. Man könnte schon fast meinen, der grosse Physiker verstehe sein eigenes Fachgebiet doch nicht so gut, wie alle denken. Das wäre aber ein Missverständnis. Die Pointe seiner Antwort liegt auf einer tieferen Ebene: «Um eine Warum-Frage beantworten zu können, benötigt man einen Rahmen, in dem man etwas als wahr anerkennen kann.» Wenn wir ein Phänomen erklären, dann greifen wir dazu auf Annahmen zurück, die für uns selbstverständlich sind und deshalb nicht mehr weiter hinterfragt werden müssen.

Wenn wir z.B. beobachten, dass ein junger Mann mitten am Nachmittag hektisch seinen Autoschlüssel sucht und aus dem Büro rennt, erstaunt uns das. Das Erstaunen legt sich aber sofort, wenn wir erfahren, dass seine Frau soeben in den Gebärsaal verlegt worden ist. In unserer Kultur ist dieser Umstand eine ausreichende Erklärung für das auffällige Verhalten dieses Mannes. Deshalb ist unser Wissensdurst hier bereits gestillt. Erst, wenn man die Perspektive einer Person aus einer anderen Galaxie übernimmt, kommt man auf die Idee, dass da noch Vieles ungeklärt sein könnte: Was hat das Metallding, das der Mann aus dem Mantel holt, mit der Verlegung seiner Frau in den Gebärsaal zu tun? Wie funktioniert dieses Ding? Weshalb die Hektik? Weshalb wird eine Frau als die Seine bezeichnet? Was ist ein Gebärsaal und warum wird seine Frau dorthin gebracht? Wo geht er nun hin und warum? Auch um diese Fragen beantworten zu können, benötigt man wieder einen Rahmen von grundsätzlichen Annahmen, die uns erlauben, eine Antwort zu verstehen.

Feynman macht uns darauf aufmerksam, dass wir in unserem Alltag selten die Voraussetzungen dafür entwickeln, um Antworten auf Fragen zu verstehen, die über das Selbstverständliche hinausgehen: Christopher Skyes – wie vermutlich viele von uns – hat bisher schlicht keinen Rahmen entwickelt, in dem er vom Magnetismus mehr verstehen könnte, als dass sich Magnete anziehen ober abstossen. Für die Entwicklung eines solchen Rahmens braucht es die Bereitschaft, zeitweise das bisher Gewusste einzuklammern, Zeit und Energie, der daraus entstehenden Verwunderung nachzugehen, Offenheit, die auftauchenden Fragen wahrzunehmen, und Durchhaltevermögen beim Versuch, die Fragen zu beantworten.

Blicken wir auf die Situation in unseren Gemeinden, stehen wir vor einer ähnlichen Herausforderung: Durch den kulturellen Wandel verändern sich die Selbstverständlichkeiten in unserem Umfeld. Dadurch stellen sich uns heute Fragen, die in unserem bisherigen Rahmen nicht mehr beantwortet werden können. Und wir merken, dass wir noch keinen neuen Rahmen entwickelt haben, in dem diese Fragen befriedigend beantwortet werden könnten. Wie Skyes in der Physik benötigen wir in unserem Gebiet immer wieder die Bereitschaft, unser bisher Gewusstes zeitweise einzuklammern und uns auf die daraus entstehenden Fragen einzulassen. Wir brauchen die Musse zu staunen und den Durchhaltewillen, unserer Verwunderung zu folgen, um neue Antworten zu finden.

Als IGW träumen wir von Kirchen, die fähig sind, unsere Gesellschaft zu erneuern. Wir träumen von Gemeinden, die durch Wort und Tat zur Lebensquelle führen, aus der immer frisches Wasser sprudelt. Deshalb fördern wir Menschen, die sich die Zeit nehmen, hinter die scheinbaren Selbstverständlichkeiten zu blicken. Wir begleiten Personen, die sich den neuen Fragen stellen wollen und die Bereitschaft aufbringen, diese Fragen anzugehen. Durch die Zusammenarbeit mit verschiedenen theologischen Bildungsinstituten aus Europa (GBFE) und der Universität von Südafrika (UNISA) können wir ein Masterstudium anbieten, das die Studierenden immer wieder aus den eigenen kulturellen Selbstverständlichkeiten herausholt und die Chance bietet, die Dinge von einem neuen Standpunkt aus zu betrachten, um so zu neuen Antworten auf unsere aktuellen Fragen zu kommen. Teilst du diesen Traum und möchtest selbst Teil davon sein? Hast du bereits eine theologische Vorbildung und möchtest langfristig noch tiefer graben? Falls ja, würde ich gerne mit dir Möglichkeiten besprechen, wie du konkret weitere Schritte machen kannst. Melde dich einfach bei Philipp Wenk.

*Philipp Wenk ist Studienleiter Master of Theology bei IGW

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