Kirche mit Zukunft

28.10.2019

Antworten auf Fragen von Kirchenaussteigern

Titel

Von Boris Eichenberger*

Kirche hat sich für mich erledigt. Dieser Ausspruch ist mir nicht neu. Ich habe ihn schon von unterschiedlichen Menschen gehört: Vom Jugendlichen in der Selbstfindung; vom Familienvater in Scheidung; von der Frau, deren Kinder kürzlich ausgezogen sind und die sich in ihrer neuen Lebensphase von den Angeboten der Kirche nicht mehr angesprochen fühlt. Schmerzlich war der Satz dieses mal dadurch, dass er von einem Freund kam, der in der Kirche aufgewachsen ist, viele Jahre mitgearbeitet hat, Theologie studierte und für etliche ein Vorbild ist.

Meine Antworten auf Kirchenaussteiger waren in all den Jahren so unterschiedlich wie die Gründe für ihren Weggang. Die einen dürfen neu verstehen, dass Kirche gar nicht in erster Linie ihnen dient, sondern Jesus und dem Umfeld. Andere sollten sich unserem Zeitgefühl von Unverbindlichkeit und Überindividualisierung widersetzen. Und wir alle könnten neu erleben, dass das Leben als Christ nur in Gemeinschaft Sinn entwickelt und Kraft entfaltet.

Doch was sage ich meinem Freund? Seine Kritik an der Kirche ist berechtigt – die Erfahrungen in den letzten Monaten frustrierend – die Hoffnung auf eine Besserung gering.

Am liebsten würde ich ihm von Gott und seinen Absichten erzählen. Mein Gott hat eine Mission, diese Schöpfung wiederherzustellen und unter uns zu leben. Er offenbart und verschenkt sich uns Menschen in Jesus, um unsere Herzen zu gewinnen und uns zu sich zu ziehen. Die ganze Schöpfung wird wieder voll seines Lebens sein und unter Jesu Einfluss stehen. Ich erzählte ihm, dass die Kirche eines der wichtigen Werkzeuge in diesem Plan ist. Und wenn er nicht dabei ist, dann fehlt etwas.

Am liebsten erzählte ich ihm vom Reich Gottes, dem Einflussbereich, wo Jesus König ist. Ich schwärmte davon, wie die Kirche der Ort ist, wo sich das gute Leben des Reiches Gottes abbildet. Und ich betonte, wie die Kirche dazu beiträgt, das gute Leben heute zu erleben: verschiedene Generationen und Kulturen, die Leben teilen; Arme und Reiche, die einander achten und unterstützten; Ausgestossene und Unangepasste, die Liebe und Annahme erfahren; Gebrochene und Geplagte, die Unterstützung und Heilung erleben. Und all das als Zeichen des Lebens von Jesus, der unter uns wirkt.

Von der Hoffnung, die in der Kirche lebt, würde ich im erzählen. Sie klingt im Alten Testament an und konkretisiert sich im Neuen. Sie liegt in der Auferstehung von Jesus begründet. Mit ihm ist eine neue Zeit angebrochen, die sich in der Kirche zeichenhaft abbildet. Hoffnung – diese Kraft, die durch unseren Blick ins zukünftige Gottesreich befeuert wird und andere ansteckt. Sie lädt zu einem guten Leben ein, schenkt Sinn und Erfüllung, bietet Liebe und Annahme.

Gleichzeitig teile ich die Kritikpunkte meines Freundes. Er merkt dabei vor allem die herausfordernden Arbeitsbedingungen an: die nicht der Ausbildung und Verantwortung entsprechende Entlohnung, die hohen Arbeits- und Präsenzzeiten und die mangelhafte Mitarbeitenden-Begleitung und -Entwicklung. Führungsgremien, die vorwiegend aus Laien bestehen, bieten die Chance, benötigtes Fachwissen aus anderen Berufsfeldern abzuholen. Doch leider sind die Angestellten und Pastor_innen in einer Kirche oft kompetenter als die Mitglieder in den Leitungsteams. Eine Konstellation, die zu Frust und Konflikten führt. In unserer Diskussion fügte ich zu seinen Ausführungen einen weiteren Kritikpunkt an: fehlende Gestaltungsmöglichkeiten der jüngeren Generation, oft GenY und Z genannt. Sie sind hier, haben Ideen, gestalten mit. Doch oft zerbrechen diese Versuche an den vorgesetzten Bildern, wie Kirche zu sein hat. Den dritten Kritikpunkt teilen wir: Unsere Spiritualität spricht vorwiegend kirchennahe Menschen an und bleibt ohne Wirkung nach aussen. Ich liebe unseren Worship. Eine gelungene Predigt ist eine Wohltat. Gebet und Geistesgaben gehören für mich in jeden Gottesdienst. Doch gibt es in meiner Nachbarschaft eine Person, die sich für so was interessieren würde? Vielleicht – nur habe ich sie noch nicht gefunden. Es gibt viele Menschen, die sich für Transzendenz und Spiritualität interessieren. Sie stellen sich die grossen Fragen des Lebens und suchen nach übernatürlicher Kraft in den Herausforderungen ihres Alltags. Aber sie landen dabei selten in einer Kirche.

Trotzdem sind wir kein Auslaufmodell– unsere beste Zeit kommt erst. Wir werden die anstehenden Herausforderungen meistern, neue Formen von Kirchen entwickeln und bestehende neu beleben. Und jedes Mal, wenn jemand zu mir sagt: Kirche hat sich für mich erledigt, werde ich sagen: aber du dich nicht für die Kirche!

Boris Eichenberger ist Bereichsleiter Weiterbildung bei IGW, Pastor in der Vineyard Aarau und wenn er nicht gerade bei IGW oder seiner Kirche im Einsatz ist, Texte schreibt oder Bücher liest, ist er irgendwo bei einem Marathon dabei.

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