Kirche mit und nach Corona

05.06.2020

Boris Eichenberger über was war, was ist und was werden könnte

Titel

Von Boris Eichenberger

Und als der Tag des Pfingstfestes erfüllt war, waren sie alle an einem Ort beisa
mmen. (Apg 2:1, Elb) 

Rückblickend auf Pfingsten erscheint mir dies das grösste Wunder: Sie waren alle an einem Ort beisammen! Sie haben ihre 
inneren Widerstände überwunden, ihre Vorbehalte hintangestellt, ihre Differenzen bereinigt. Sie warteten gemeinsam auf die Zusage des Geistes. Sie versammelten sich, weil Jesus es ihnen aufgetragen hatte. 

Unsere Corona-bedingte Zeit des Wartens und Vorbereitens dauerte nicht nur zehn Tage, sondern mehrere Wochen. Das diesjährige Pfingstfest war für viele Kirchen aussergewöhnlich – nicht einmütig, nicht beisammen. Die verordnete Auszeit hat uns digitalisiert und auseinandergebracht. Wir bespielen neue Kanäle, beten per Zoom, worshippen auf Youtube, begegnen uns per WhatsApp. Wenn dir das eine Angebot nicht passt, loggst du dich woanders ein. Kirche lebt dezentral neu auf: in den Familien, den WGs, den Nachbarschaften. Sie zeigt sich in grosser Hilfsbereitschaft, in liebevollen Gesprächen, im stillen Mitleiden. 

Die positiven Erfahrungen stellen uns vor berechtigte Fragen: Brauchen wir Veranstaltungen, Gebäude, Struktur, Institutionen. Wenn es ohne den teuren und aufwändigen Ballast funktioniert, wieso all die Mühe? Es geht schlanker, kostenbewusster, einfacher. Kirche lebt am Auftrag ausgerichtet, dezentral und persönlich. Wir stehen damit aber in der Gefahr, das Kind mit dem Bade auszuschütten. Denn in all diesen positiven Entwicklungen lassen wir uns von einem Zeitgeist leiten, der das Individuelle überbetont und das Gemeinsame vergessen lässt. 

Unser Lebensgefühl sucht das Besondere. Bei Instagram sind wir Influencer, bei Twitter die Meinungsführer und bei Facebook die Unterhalter. Das Ich will entdeckt, gepflegt und inszeniert sein. Das Unikat als Geschöpf Gottes wird betont, wichtige Aspekte der biblischen Botschaft vernachlässigt. So zieht der Zeitgeist in Theologie und Glauben ein. Die persönliche Gottesbeziehung steht im Vordergrund, das Erlebnis ist zentral, das Ausleben der anvertrauten Gaben essentiell. Jesus wird zum Erller der täglichen Bedürfnisse. Kirche hat mir zu gefallen und meinem Lebensentwurf zu dienen. 

Die Geschichte der Bibel stellt dagegen das Wir vor das ICH. Die Schöpfung war erst mit Eva vollständig. Abraham wurde zu einer Familie und zu einem Stamm. Prophetische Worte ergingen an ganze Völker. Jesus berief seine Nachfolger in ein Miteinander. Zu zweit sandte er sie aus. Die meisten Briefe im Neuen Testament richteten sich an Gemeinschaften oder Gemeinden. Probleme wurden diskutiert und gemeinsam angegangen. Die Kraft des Geistes ergoss sich, als sie an einem Ort versammelt waren. 

In meiner über 20-jährigen Tätigkeit als Pastor habe ich viel Schrott erlebt: inkompetente Führung, verheerendes Krisenmanagement, manipulatives Verhalten und schädliche Theologie. Einige Bekannte haben sich wegen negativen Erlebnissen von der Kirche und teilweise vom Glauben abgewandt. Ich verstehe sie – ab und zu ging es mir gleich. Andere haben sich zwar von der Lokalkirche verabschiedet, orientieren sich aber weiter am Leben und der Botschaft von Christus und suchen nach neuen Formen des Zusammenseins im Ausdruck ihres Glaubens. Mit ihnen habe ich gelernt, dass Kirche nicht in erster Linie die Organisation, die Veranstaltung oder die Lehre ist. Es ist aber auch nicht nur das spontane Beisammensein, das Treffen mit Gleichgesinnten, die Bestätigung der eigenen Meinung. 

Erst in der Versammlung zeigt sich, wie gross die Differenzen sind, wie stark wir aneinander in Liebe wachsen, wie sehr wir die anderen brauchen. Im Gottesdienst lernen wir warten, aushalten, ertragen. Alleine oder in kleinen Gruppen ähnlich Denkender lebt es sich zwar harmonischer – aber nicht biblischer. Wir entziehen uns der Herausforderung und der Aufgabe, die uns das Leben in der lokalen Kirche stellt. In unserem Verbundensein mit Christus überwinden wir die Unterschiede in Alter, Herkunft und Status. Es wird sichtbar, was Paulus in seinem Brief an die Galater antönt: Eritreer und Schweizer, Arbeiter und Akademiker, Männer und Frauen vereint. In und durch Jesus verbunden. 

Und im konkreten Zusammenkommen verkünden lokale Kirchen in aller Unvollkommenheit, dass Gemeinschaft, die über Wohlfühlgrenzen hinausgeht, unser Leben erst reich macht. Wir zeigen damit einer Welt, die sich um das eigene ICH und um Selbstverwirklichung dreht, eine Alternative zur destruktiven Selbsterfüllung. Wir bezeugen, dass durch den Glauben ein Miteinander in Unterschiedlichkeit, ein Einssein mit Einzigartigkeit und ein Füreinander trotz Herausforderungen möglich ist. Jede lokale Kirche verkörpert diese Botschaft – entgegen dem Zeitgeist des Besonderen und Individuellen. Und wir erwarten dabei zu Recht eine neue Ausgiessung seiner Gegenwart und Kraft – wie die ersten Christen es an Pfingsten erlebten. 

Boris Eichenberger ist Bereichsleiter Weiterbildung bei IGW, Pastor in der Vineyard Aarau und wenn er nicht gerade bei IGW oder seiner Kirche im Einsatz ist, Texte schreibt oder Bücher liest, ist er irgendwo bei einem Marathon dabei.

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