"Die Ära der Werte ist vorbei"

09.01.2019

Das Rollback der Realpolitik im Licht der biblischen Propheten

Titel

Die Welt erlebt ein Rollback der Realpolitik. Die «Ära der Werte» ist vorbei. Nach dem Ende des Kalten Kriegs begann der Westen, eine idealistische Aussenpolitik zu betreiben. Doch nun schwingt das Pendel zurück. Macht wird wieder wichtiger als Moral. «The jungle grows back.» Der Dschungel der Regellosigkeit und des Faustrechts schlägt zurück.

Das sind Aussagen aus einem Artikel, der am 30. November in der NZZ erschienen ist. Eric Gujer zeichnet darin die Entwicklung der westlichen Aussenpolitik nach: Er erzählt, wie nach dem Ende des Kalten Kriegs 1989 der Westen von einer Welle der Hoffnung auf eine globale Gemeinschaft erfasst wurde: Man wagte zu hoffen, dass die Menschen näher zusammenrücken würden, dass sie ihre eigenen Interessen zurückstellen und miteinander das gemeinsame Wohl suchen würden.

Doch 1994/95 kam es zu abscheulichen Kriegsverbrechen in Rwanda und Srebrenica. Und die Welt schaute zu, ohne etwas zu unternehmen. Da erkannte man, dass es nicht reicht, über den Weltfrieden und die Menschenrechte nur zu reden. Man musste ihnen auch Nachdruck verleihen können. Deshalb wurde 2005 in der UNO die Akte Responsibility to Protect verabschiedet. Man stellte sich vor, dass die UNO zu einer Institution werden könnte, die dafür sorgte, dass die verschiedenen Staaten sich an die grundlegenden Gesetze halten würden: eine Aussenpolitik, in der die Moral wichtiger war als die Interessen des eigenen Landes!

Allzu lange hielt dieser Idealismus aber nicht an. Angesichts der grossen Herausforderungen durch die Globalisierung trat eine grosse Ernüchterung ein. In Amerika wurde Trump gewählt. Sein Programm ist es, einzig die Interessen des eigenen Landes ins Zentrum zu stellen: «America first». Grossbritannien verabschiedet sich von der EU und in der Schweiz lancierte die SVP eine Initiative, durch die der Volkswille über internationales Recht gestellt werden sollte. Nach einer hoffnungsvollen Phase, in der man dachte, eine gerechte globale Gemeinschaft aufzubauen, kehrte die sogenannte Realpolitik wieder zurück. Die Interessen des eigenen Landes wurden wieder wichtiger als das globale Allgemeinwohl.

Als ich diesen Artikel in der Zeitung las, war ich erstaunt über die Parallelen zwischen diesen jüngsten Ereignissen und der biblischen Erzählung der Geschichte des Volks Israel. Was wir heute auf globaler Ebene erleben, hat viele Ähnlichkeiten mit der biblischen Geschichte des Volks Israel auf nationaler Ebene. Ich möchte das in groben Zügen nachzeichnen.

Zum Einstieg vergegenwärtigen wir uns, wie Israel in seinen Anfängen gesellschaftlich gegliedert war. Jos 7,14 gibt uns dazu Auskunft:

Morgen sollt ihr Stamm für Stamm antreten, und der Stamm, den der Herr bezeichnet, soll Sippe für Sippe antreten, und die Sippe, die der Herr dann bezeichnet, soll Großfamilie für Großfamilie antreten, und die Großfamilie, die der Herr dann bezeichnet, soll Mann für Mann antreten.

Dieser Vers macht deutlich, dass das Volk Israel in erster Linie durch Verwandtschaftsbeziehungen geordnet war. Die kleinste und grundlegende Gemeinschaftsform war die Grossfamilie. Sie wurde durch den Hausvater geführt. Er war der Älteste im Haus und hatte deshalb die Verantwortung dafür.
Mehrere Grossfamilien zusammen bildeten eine Sippe. Die Hausväter in der Sippe waren miteinander verwandt. Sie lebten nahe beieinander und arbeiteten miteinander. Deshalb herrschte innerhalb der Sippe ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl: Man half sich gegenseitig aus, wenn jemand in Not war. Geführt wurde die Sippe von der Gemeinschaft der Ältesten, d.h. von den verschiedenen Hausvätern der Grossfamilien.
Die nächsthöhere Stufe war der Stamm, der aus mehreren Sippen zusammengesetzt war. Hier war der Verwandtschaftsgrad schon viel schwächer. Der gemeinsame Vorfahre lag schon ziemlich weit in der Vergangenheit. Entsprechend war auch das Zusammengehörigkeitsgefühl schon viel schwächer. Die biblischen Texte geben auch keinen Hinweis darauf, dass die Stämme speziell geleitet wurden. Scheinbar gab es keinen Stammesführer oder etwas Ähnliches. Das heisst, der Stamm hatte für das konkrete Leben wenig Bedeutung.
Noch loser war die Verbundenheit zwischen den verschiedenen Stämmen auf Volksebene. Nach Mose und Josua gab es auch hier für lange Zeit keine offizielle Führung, keinen Herrscher, der für Recht und Ordnung unter den Stämmen sorgte. Israel in seinen Anfängen ist also ein Volk, das in erster Linie aus vielen verschiedenen Sippen besteht. Diese Sippen betrachten sich zwar als Teil von Israel. Irgendwie gehören sie zusammen. Für das konkrete Leben hat das aber wenig Bedeutung. Die Loyalität der Menschen gilt in erster Linie der eigenen Sippe und dann noch dem eigenen Stamm.

Diese Grundeinstellung hat sich im Laufe der Geschichte allerdings entwickelt. Die biblische Erzählung berichtet, wie Gott sein Volk aus der Sklaverei in Ägypten befreite und mit ihm einen Bund schloss. Die Regeln, die Gott dabei gegeben hatte, verbanden alle miteinander. Auch die Geschichte von der Landnahme erzählt, dass man für einen Moment lang über die eigene Sippe und den eigenen Stamm hinausdachte: Alle Stämme mussten sich gegenseitig helfen, um das Land einnehmen zu können (Num 32,16-27). Man stellte das Wohl des ganzen Volkes über das Wohl des eigenen Stammes und der eigenen Sippe.

Aber dieses Zusammengehörigkeitsgefühl wurde schon bald auf die Probe gestellt. Es kam zu Konflikten zwischen den Stämmen. Im Richterbuch lesen wir z.B. vom Verbrechen einer Gruppe von Benjaminitern, das dazu führte, dass fast der ganze Stamm Benjamin ausgerottet wurde (Ri 19-21). Hier wurde deutlich, dass ein idealisiertes Zusammengehörigkeitsgefühl nicht ausreichte, um diese Konflikte zu lösen. Deshalb wurde der Ruf nach einem König immer lauter. Man wünschte sich jemanden, der das Volk nach aussen beschützte, das Zusammenleben regelte und im Innern die Rechtsordnung durchsetzte, die Gott dem Volk gegeben hatte. Man wollte jemanden, der sich für die Schwachen einsetzte und dafür sorgte, dass die Starken nicht auf Kosten der Schwachen lebten – ganz ähnlich wie in den neunziger Jahren nach den Gräueltaten von Rwanda und Srebrenica der Ruf nach mehr Vollmacht für die UNO laut wurde.

Doch obwohl in Israel der Wunsch nach einem König erfüllt wurde und das Ganze für eine Zeit lang sehr verheissungsvoll aussah, kann man auch da sagen: «The jungle has grown back.» Der Dschungel der Regellosigkeit und des Faustrechts schlug zurück. Denn sowohl gegen die Bedrohung von aussen, als auch gegen die Unruhen im Innern war das israelitische Königtum machtlos.

Im 9. Jh.v.Chr. begann sich das assyrische Reich nach Westen auszudehnen und brachte Israel so stark in Bedrängnis, dass die Israeliten den Assyrern Schutzgeld zahlen mussten. Nach den Assyrern kamen die Babylonier an die Macht und waren eine neue übermächtige Bedrohung. Diese äussere Krise hatte grosse Auswirkungen auf das Zusammenleben. Die vielen Kriege forderten Menschenleben. Viele Familien verloren ihre Männer, die nun bei der Arbeit z.B. auf dem Feld fehlten. So gerieten sie in finanzielle Schwierigkeiten und mussten bei anderen Familien Kredit aufnehmen. Und weil sich die Situation über längere Zeit nicht besserte, sondern eher verschlimmerte, mussten sie immer mehr Kredite aufnehmen. Die Schulden wurden grösser und schliesslich blieb ihnen nichts anderes mehr übrig, als ihr Land, ihre eigenen Familienangehörigen und sich selbst in die Sklaverei zu verkaufen.

In dieser Zeit entstand eine ganze Schicht von Schuldsklaven, Menschen, die durch ihre finanzielle Not alle ihre Rechte verloren hatten. Auf der anderen Seite standen die reichen Familien, die von der Not der Armen profitierten. Durch die Zinsen für ihre Kredite wurden sie noch reicher. Durch die Verarmung ihrer Schuldner gewannen sie Macht und kamen in den Besitz von noch mehr Land. So konnten sie noch mehr Kredite geben und noch reicher werden… Von Solidarität zwischen den verschiedenen Sippen und Stämmen war immer weniger zu spüren. Am Sinai hatte Gott befohlen, jeweils nach sieben Jahren die Schuldsklaven freizulassen und im 50. Jahr auch das verkaufte Land wieder zurückzugeben. Doch diese Gebote waren jetzt nur noch romantische Erinnerungen an eine vergangene Zeit. «Die eigene Familie first», war das Motto. Der Idealismus musste der Realpolitik weichen. Und daran konnte auch das Königtum nichts ändern. Im Gegenteil – immer wieder unterstützten die Könige die reichen Familien auf Kosten der armen. Wie sich auch die internationale Staatengemeinschaft heute immer wieder der Kritik stellen muss, dass sie die Interessen einzelner Grossmächte höher gewichtet als den Schutz der Schwachen.

Hier, an dieser Stelle in der Geschichte, kommen wir zu den Propheten. Hier beginnt Gott auf eine neue Weise einzugreifen. Er beruft einzelne Menschen und gibt ihnen den Auftrag, das Volk auf seine Ungerechtigkeit hinzuweisen und vor Gottes Gericht zu warnen. Wenn wir die Kritik der Propheten überblicken, stellen wir fest, dass sie zwei Seiten hat: Zum einen kritisieren die Propheten die Ungerechtigkeit der Israeliten gegeneinander. Das sehen wir z.B. bei Amos sehr deutlich, dem ersten Propheten, von dem wir ein eigenes Buch haben:

So spricht der Herr: Wegen der drei Verbrechen, die Israel beging, wegen der vier nehme ich es nicht zurück: Weil sie den Unschuldigen für Geld verkaufen und den Armen für ein Paar Sandalen, weil sie die Kleinen in den Staub treten und das Recht der Schwachen beugen. Sohn und Vater gehen zum selben Mädchen, um meinen heiligen Namen zu entweihen.
Amos 2,6-7 

Auf der anderen Seite kritisieren die Propheten die Untreue gegenüber Gott. Ganz bildlich stellt dies z.B. Hosea dar: Er bezeichnet die Untreue von Israel gegenüber Gott als Ehebruch. Wenn wir uns in Erinnerung rufen, wie überlebensnotwendig eine intakte Familie in der damaligen Zeit war, wird deutlich, wie katastrophal ein Ehebruch war: Er brachte die ganze Sippe in Gefahr.

Diese beiden Seiten – Ungerechtigkeit gegenüber den Mitmenschen und Untreue gegen Gott – sind wie die zwei Seiten einer Medaille. Sie gehören zusammen: Die Ungerechtigkeit zwischen den Menschen zerstört auch ihre Beziehung zu Gott. Und umgekehrt wirkt sich die Untreue gegenüber Gott, den die Israeliten als ihren Retter kennenlernen durften, zerstörerisch auf ihre Beziehungen zueinander. Diese Botschaft verkündeten die Propheten mit einer enormen Dringlichkeit und mussten doch feststellen, dass sie nicht gehört und nicht beachtet wurden. Nichts änderte sich: Die Ungerechtigkeit und die Untreue blieben bestehen.
Deshalb gingen alle Propheten zur Ankündigung des Gerichts über. Sie machten deutlich, dass Gott diesen Zustand nicht einfach so hinnimmt, dass er eingreifen und diesem Treiben ein Ende setzen würde. Ein Beispiel aus Jesaja:

Seht, der Herr schickt einen gewaltigen Helden: Wie ein Hagelschlag, wie ein verheerender Sturm, wie ein Wolkenbruch mit seinen mächtigen Fluten wirft er alles mit Macht zu Boden. Mit seinen Füßen zertritt er die stolze Krone der betrunkenen Efraimiter.
Jes 28,2-3 

Hier wird radikal eingegriffen. Die mächtigen Fluten in diesem Satz können uns an die Sintflut erinnern. Es wird ganz klar Zerstörung angekündigt. Gottes Gericht ist ein Drohwort. Aber das ist nur eine Seite des Gerichts. Die folgenden Verse zeigen auch die andere:

An jenem Tag wird der Herr der Heere für den Rest seines Volkes zu einer herrlichen Krone und einem prächtigen Kranz; er verleiht dem, der zu Gericht sitzt, den Geist des Rechts und gibt denen Kraft, die den Feind zum Stadttor hinausdrängen. Jes 28,5-6 

Hier wird die andere Seite des Gerichts sichtbar: Für die einen ist es ein Drohwort. Für die anderen aber ein Hoffnungswort. Denn in diesem Gericht hat der Geist des Rechts das Sagen. In diesem Gericht hat nicht mehr der menschliche König das Wort. Der hat zu oft Partei für die Reichen und Mächtigen ergriffen. In diesem Gericht tritt Gott selbst als König auf.
In der Geschichte von Israel wird das nur bruchstückhaft sichtbar: 722 v.Chr. wurde das Nordreich von den Assyrern überrannt und die Oberschicht abtransportiert. Und 596 v.Chr. begann für die Oberschicht von Juda die babylonische Gefangenschaft. Hier wurde also an den Mächtigen Gericht geübt. Sie verloren alles, was sie hatten. Doch die Armen wurden im Land zurückgelassen. Davon berichten Jeremia 39 und 40:

Nur von den armen Leuten, die nichts hatten, ließ Nebusaradan, der Kommandant der Leibwache, einen Teil im Land Juda zurück und gab ihnen Weinberge und Äcker.
Jer 39,10

Und etwas später heisst es:
Daher kehrten alle Judäer aus sämtlichen Orten, wohin sie versprengt waren, zurück und kamen ins Land Juda zu Gedalja nach Mizpa. Man erntete Wein und Obst in großer Menge. 
Jer 40,12 

Für die Unterschicht, die schon lange alles verloren hatte, bedeutete die Niederlage gegen die Babylonier die Möglichkeit, wieder selbst ein Stück Land zu besitzen. Dass sie Wein und Obst in grosser Menge ernteten, ist in der Bibel als Ausdruck von Segen zu verstehen. Das Gericht war für sie die Befreiung aus der früheren Not. Beide Seiten gehören zusammen: Der ungerecht angeeignete Besitz wird genommen. Und er wird dem zurückgegeben, der ihn verloren hat. Gottes Gericht stellt die Gerechtigkeit wieder her. Das verkündigen uns die Propheten mit unmissverständlicher Deutlichkeit.

Diese Botschaft gilt auch uns, wenn wir über unsere Situation nachdenken. Wir können uns ihr nicht einfach entziehen. Sie ruft uns zur Verantwortung im Umgang mit unserem Reichtum und unserem Einfluss. Sie spricht aber auch uns Hoffnung zu in Situationen, in denen wir Opfer von Ungerechtigkeit geworden sind. Weil Gott seine Schöpfung liebt, kann er die Ungerechtigkeit nicht einfach gutheissen. Er wird ihr ein Ende setzen.

Aber erstaunlicherweise ist das noch nicht das Ende der Botschaft der Propheten. Sie geht noch einen Schritt weiter. Die Propheten verheissen, dass Gott sich nach dem Gericht seinem Volk wieder zuwenden wird. Das heisst, auch die Oberschicht, die im Gericht alles verloren hat und in die Gefangenschaft abgeführt worden ist, wird von Gott befreit werden. Wieder eine Aussage aus Jesaja:

Wach auf, wach auf, bekleide dich mit Macht, Arm des Herrn! Wach auf wie in den früheren Tagen, wie bei den Generationen der Vorzeit! Warst du es nicht, der die Rahab zerhieb und den Drachen durchbohrte? Warst du es nicht, der das Meer austrocknen ließ, die Wasser der großen Flut, der die Tiefen des Meeres zum Weg gemacht hat, damit die Erlösten hindurchziehen konnten? Die vom Herrn Befreiten kehren zurück und kommen voll Jubel nach Zion. Ewige Freude ruht auf ihren Häuptern. Wonne und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen.
Jes 51,9-11  

Hier blickt Jesaja voraus in eine Zeit, in der auch die Verurteilten, die Verbannten in Freude in ihr Land zurückkehren können – eine Verheissung, die sich wie auch das Gericht bis jetzt nur sehr beschränkt erfüllt hat. Wie die vollkommene Gerechtigkeit so ist auch diese ewige Freude noch Zukunftsmusik. Die Geschichte ist noch nicht abgeschlossen. Aber sie macht uns deutlich: Gott nimmt Ungerechtigkeit ernst. Er stellt sich auf die Seite der Unterdrückten. Und doch ist er bereit, auch für die Täter einen Ausweg, eine Möglichkeit zur Heimkehr zu schaffen.
Lasst uns – getragen von der Vorfreude darauf – auch in diesem Neuen Jahr darauf hinarbeiten, dass die «Realpolitik» selbst eine wachsende Ähnlichkeit mit «Gottes Politik» erhält.

von Philipp Wenk
Philipp Wenk ist Studienleiter für den Masterbereich bei IGW

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